Noah, das Davor und das Danach.

Das Davor

Bis zum 16.12.2019 verlief mein Leben nahezu perfekt. Vor 2 Monaten hatte ich die Liebe meines Lebens geheiratet, unsere anderthalbjährige Tochter brachte uns nichts als Freude und wir wünschten uns alsbald ein Geschwisterchen. Einige Tage nach der Hochzeit hielt ich dann den positiven Test in den Händen.

Wir waren glücklich. Das Baby sollte 10 Tage nach K1′ zweitem Geburtstag zur Welt kommen, das schien uns nahezu perfekt. Ich ließ mich freudig an die Hebammen überweisen und freute mich sogar über die Morgenübelkeit, interpretierte ich sie doch als Zeichen einer gesunden Schwangerschaft.

Die Wartezeit bis zum ersten Ultraschall war lang. Ich lebe in England und hier wird zum ersten Mal zwischen der 11. und 13. SSW geschallt. Wenn man also schon bei 4+0 weiß, dass man schwanger ist sind das lange 8 Wochen.

Doch alle Warterei hat irgendwann ein Ende und so ging ich am 16.12. in freudiger Erwartung zum Ultraschall. Aufgrund akutem Parkplatzmangels, konnte mich der Mann nicht begleiten, aber das war in Ordnung. Ich freute mich trotzdem.

Nach ca. 40 minütiger Wartezeit, wurde ich aufgerufen. Ich durfte erst Pipi machen, dann fingen wir richtig mit dem Ultraschall an. Anfangs erklärte mir der Pfleger noch was er sah, den Herzschlag und die kleinen Ärmchen und Beinchen. Plötzlich wurde er still und das Ultraschallgerät grub sich immer tiefer in meinen Bauch. Nach einigen Momenten Stille dreht er sich zu mir und meinte, er hätte vermutlich etwas entdeckt was nicht so ganz richtig ist. Er würde gerne eine Kollegin zur Bestätigung holen, aber ich solle mir keine Sorgen machen. So lag ich dann da und versuchte mich davon zu überzeugen, dass es gleich Entwarnung geben würde.

Er kam mit seiner Kollegin zurück, diese schallte erneut meinen Bauch und die beiden unterhielten sich leise. Irgendwann drehte sich der Pfleger zu mir und sagte “Es tut mir leid, Ihnen dass jetzt sagen zu müssen aber mit dem Baby ist nicht alles so wie es sein soll. Wir haben eine Zyste im Nacken entdeckt, sowie Zysten im Bauch. Ich werde Sie an die “Fetal Medicine Unit” (FMU) überweisen, dort werden wir sehen wie wir mit der Schwangerschaft weiter machen.”

Danach setzte er mich zum warten abseits in einen geschlossenen Raum, weg von den anderen Schwangeren. Erst dort begannen sich die Rädchen in meinem Hirn zu drehen. Was er wohl meinte mit “…dann sehen wir, wie wir mit der Schwangerschaft weiter machen” ? Wie macht man da schon weiter, ich trage 40 Wochen lang ein Kind aus und gebäre es dann.

Oder etwa nicht? Langsam setzten sich die Puzzleteile zusammen. Wenn alles gut wäre, dürfte ich bestimmt mit den anderen warten.

Ich rief den Mann an, heulte und erklärte ihm die wenigen Zusammenhänge die ich verstand. Kurz darauf betraten der Pfleger und eine Krankenschwester das Zimmer. Die Krankenschwester erklärte was von Zysten, im Nacken, im Schädel, im Bauch. Außerdem habe mein Baby Wasser in der Lunge, das übe Druck auf die umliegenden Organe die sich dadurch nicht richtig entwickeln können.

Es war, als hätte jemand meinen Kopf in Watte gepackt. Nur wenig kam durch. Die einzige Frage die ich, hatte war gleichzeitig der einzige Strohhalm, an den ich mich klammern konnte. Konnte alles vielleicht ein Irrtum sein, konnte es sein dass mein Baby vielleicht doch gesund ist?

“Die Chance ist minimal.” Nach diesem niederschmetterndem Satz, setzte der Fluchtinstinkt ein und ich fragte, ob ich nun das Krankenhaus verlasssen durfte. Nachdem man mir den Arztbrief überreichte, durfte ich das. Beim verlassen des Krankenhauses konnte ich die Tränen nicht mehr zurück halten. Der Mann wartete dort auf mich, wo er mich zuvor rausgelassen hatte. Als er mich kommen sah stieg er aus dem Auto und umarmte mich, ich brach dann und dort auf offener Straße zusammen und konnte nur noch schluchzen. Später schluchzte ich dann mit meiner Mama am Telefon. Am 24. 12. Sollte ich zur Feindiagnostik in die FMU. Am nächsten morgen wollte ich den Termin zusagen, ich hatte noch immer einen kleinen Funken Hoffnung.

Dann las ich den Arztbrief und googelte. Schickte ihn meiner Mama, die selbst in einem Krankenhaus und dort eng mit der Gynäkologie arbeitet. Die ließ ein paar ihrer Kollegen draufschauen. Unabhängig voneinander rieten mir beide zum Abbruch, mein Kind war ganz klar nicht überlebensfähig. Vielleicht hätte ich sogar eine natürliche Fehlgeburt gehabt, vielleicht war mein Kind zu dem Zeitpunkt schon Tod. Ich war wieder wie in Watte gepackt.

Am Mittwochmorgen rief ich endlich die FMU an, aber nicht um den Termin zu bestätigen sondern, weil ich eine Entscheidung getroffen hatte. Ich wollte die Schwangerschaft abbrechen. Nachdem ich am Telefon den Arztbrief vorlas wusste auch die Hebamme sofort, was Sache war. Sie verstand und bestärkte meine Entscheidung, klärte mich über die verschiedenen Möglichkeiten auf.

Möglichkeit a) ein chirurgischer Eingriff. Dieser müsste allerdings von einer Privatklinik durchgeführt werden, denn das Krankenhaus in dem ich schon mein erstes Kind zur Welt brachte bietet diese Art des Schwangerschaftsabbruchs nicht an.

Möglichkeit b) der hormonelle Abbruch. Ein medikamentöser Abbruch der Schwangerschaft, bei dem eine Fehlgeburt eingeleitet wird.

Nach einigem hin und her überlegen, entschied ich mich für Variante b. Nach einem Kaiserschnitt wollte ich keinen weiteren körperlichen Eingriff. Also rief ich die FMU zurück und teilte meinr Entscheidung mit. Die Hebamme am Telefon versprach mir, das schnell für mich zu regeln und rief auch binnen 10 Minuten zurück.

Wenn ich es heute noch ins Krankenhaus schaffe dann kann am Freitag der Abbruch stattfinden. Sonst hätten sie erst am 27. wieder was frei. Ich entschied mich für Freitag. Und das obwohl ich 4 Tage vorher noch keine Ahnung hatte, dass ich diese Entscheidung überhaupt treffen muss.

So ging ich also am 18.12. ins Krankenhaus, unterschrieb eine Einverständniserklärung und dass der Abbruch von mir “gewünscht” war und schluckte eine Tablette, die die Produktion des Schwangerschaftshormones stoppen sollte. Einige kurze Untersuchungen und Anweisungen später, saß ich Mörderin wieder im Auto und fühlte mich elendig. Ich war froh, nach Hause zu kommen.

Donnerstags war alles seltsam. Ich weinte viel um mein Baby, unsere Zukunft und meine körperliche Unversehrtheit. Ich kam mir vor wie ein wandelndes Grab. Das Kleinkind war mehr als anhänglich, wollte nichts essen und wollte nur schlafen. Als der Mann an dem Tag nach Hause kam, brachte er einen Weihnachtsbaum mit der uns durch “Eine Sorge weniger” spendiert wurde. Und es war tatsächlich eine Sorge weniger und ein Segen. Um 6 kamen Freunde zu besuch, ich war dankbar für etwas Ablenkung. Allerdings mussten sie um 8 wieder gehen. Das Kleinkind war gegen 6 fiebrig eingeschlafen, gegen 8 wachte sie dann wieder auf. Wir nahmen sie zu uns aufs Sofa, machten ihr etwas im Fernehen an und verabreichten eine Ladung Paracetamol. Und dann stellten wir in einem Moment der Stille unseren Baum auf. Für 30 Minuten war alles friedlich.

Dem nächsten Tag, Freitag dem 20.12.2019 werde ich einen eigenen Blogbeitrag widmen, ist auch so schon lange genug.

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