Die letzten Tage war es wieder ruhig hier. Mein Kopf war wie betäubt vor Angst vor dem heutigen Tag.
Heute war der Gottesdienst für alle im Dezember und Januar verstorbenen Babies. Die, die es nicht zu uns auf die Erde geschafft haben. Ich habe mich vor diesem Tag lange gefürchtet. Was wenn mir der Gottesdienst nichts gibt? Ich bin kein religiöser Mensch. Was, wenn ich das alles nicht aushalte?
Ich entschloss mich dazu, zum Krematorium zu laufen. Es war ein Weg von 30 Minuten, diese Zeit nutzte ich um den Kopf frei zu bekommen. Als ich auf die Straße zuging, in die ich abbiegen musste um zum Krematorium zu gelangen, kam plötzlich starker Wind auf. Wind der sich an diesem kalten schnee-regnerischem Januartag fast warm anfühlte. Sanft, aber stark. Ich öffnete die Arme und überließ meinen Körper dem Wind. Ich erkannte ihn als Umarmung meines Kindes, als stürmische Begrüßung, als Freude und als “Mama du kommst zu mir! Ich freue mich so!” Ich freute mich auch fast. Aber die Umarmung im Wind, die konnte ich genießen.
In der Friedhofskapelle angekommen, schrieb ich Noahs Namen auf ein Kärtchen. Den Namen würde der Minister später vorlesen. Die Kapelle war bereits gut gefüllt, aus Lautsprechern klangen leise Kirchengesänge. Mir liefen sofort die Tränen. Ich war als Einzige allein, aber es machte mir nichts aus. Mein Mann war mit der Kleinen daheim, ich wollte sie nicht dabei haben.
Der Altar wurde durch einen dicken roten Vorhang bedeckt. Ich wunderte mich noch über diesen Vorhang, ich hatte so etwas in einer Kapelle noch nie gesehen. Als der Minister zu sprechen begann, schob sich der Vorhang plötzlich beiseite. Zum Vorschein kamen 12 kleine Boxen. Ich weinte leise bei dem Gedanken daran, dass in jeder dieser Boxen ein winziges totes Baby lag. In einer dieser Boxen lag mein winziges totes Baby.
Kurz nachdem die Namen der Kinder verlesen worden waren, umarmte mich plötzlich jemand von der Seite. Ich hatte nicht damit gerechnet, drehte mich um und erblickte eine junge Frau. Sie drückte mich noch einmal kurz und verschwand dann ebenso schnell wie sie aufgetaucht war. Diese Geste berührte mich auf eine Art und Weise, die diese junge Frau wohl nie erahnen kann. Nach dem Ende der Veranstaltung ging ich noch einmal auf sie zu und bedankte mich. Sagte ihr, wie unerwartet diese Geste war, aber sehr willkommen. Ich umarmte sie nochmal und sprach ihr und ihrer Freundin mein Beileid aus. Ich glaube, sie war die Begleitung ihrer Freundin. Die sah nämlich deutlich mitgenommener aus.
Geweint hat jeder. Ich glaube sogar der Minister musste die Tränen zurück halten. Den Schmerz rings um mich rum zu spüren war grausam. Geteiltes Leid war plötzlich doppeltes Leid. All unsere Babies lagen da vorne, in einer Box in der kalten Kapelle. So viele Zukünfte, so viele Hoffnungen und Träume die in (metaphorischen) Scherben vor dem Altar lagen.
Ich weiß nicht, wie ich diesen Beitrag abschließen soll. Das wichtigste was ich mir vom heutigen Tag mitnehme, ist die Umarmung im Wind.
Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.