Der Gottesdienst ist vorbei. Der letzte Anker an dem ich hing, durch den ich mir versicherte danach würde es mir besser gehen. Aber es geht mir nicht besser. Ich komme gut im Alltag klar. Aber dann kommen diese Momente, in denen die Fassade bröckelt. Diese Momente, in den ein Bild oder ein Satz eine sehr fragile Schutzwand zum zerbrechen bringt.
Zu den Sätzen, die für mich nie wieder die gleiche Bedeutung haben werden gehören u.a.
“Lieber Vogel, fliege weiter, nimm den Gruß mit und ‘nen Kuss. Denn ich kann dich nicht begleiten weil ich hierbleiben muss.” ;
“Wie schön dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst“
“Und immer wenn mein Herz nach dir ruft und es brennt in den Straßen in mir drin, schicke ich meine Soldaten los, um es wieder zum schweigen zu bringen.”
Letzteres ist ein Zitat aus dem Lied “Meine Soldaten” von Maxim. Ich mochte es als es erschien, habe es heute nach Jahren wieder gehört und der Refrain hat alle Wunden wieder aufgerissen.
Hätte ich meine erste Tochter nicht, wäre ich wohl am Tag des Aborts vor einem Bus stehen geblieben. Ich war fest davon überzeugt, dass überfahren werden keinesfalls schmerzhafter sein kann, als eine stille Geburt. Ich war wie in Trance.
Die Hilflosigkeit der Situation verlässt mich nicht. Mein Körper hat es nicht geschafft, mein Kind gesund zu halten. Ich konnte meinem Kind nicht helfen, keiner konnte das. Das gnädigste was ich tun konnte war mein Kind dort sterben zu lassen, wo es sicher war und hoffentlich keine Schmerzen hatte. Aber ich musste mein Kind sterben lassen. Konnte nichts tun. Egal was ich getan hätte, Noah wäre irgendwann gestorben. Es ist über einen Monat her und immer noch irgendwie surreal. Es trifft doch eigentlich immer nur die anderen.
Ich merke immer wieder, wie sehr mich meine Gefühle überfordern. Es geht mir gut und plötzlich ist alles mit voller Wucht da. Die Sehnsucht danach, schwanger zu sein. Die Trauer darüber, nicht mit Noah schwanger zu sein und darüber, dass mir auch eine erneute Schwangerschaft dieses Kind nicht zurück bringen wird. Die Panik, noch ein Kind zu verlieren. Die Angst vor der Geburt. Ich würde gerne mal die Welt anhalten, alles regeln, meine Gefühlswelt heilen lassen. Aber die Welt dreht sich unerbittlich weiter, lässt mir keine Zeit zum atmen. Ich sehne mich nach Ruhe. Stillstand.
Ist schon irgendwie witzig, wie das Leben einen so traumatisieren kann.