Am 16. Dezember 2019 begann der schlimmste Sturm meines Lebens. Auch wenn draußen die Sonne scheinte, in mir stürmten die Gefühle. In mir regnete es, orkanartige Böen rüttelten an meinem Innersten. Der Gottesdienst und das Abholen der Asche kamen mir gewaltig vor, unbezwingbar.
Und nun ist der Gottesdienst ist vorbei, Noah ist nach Hause gekommen. Der Sturm hat sich gelegt. Es war so schwer mir vorzustellen, wie die Urne mit meinem winzigen Baby darin aussehen könnte. Mein Baby war so klein, viel Asche wird davon nicht übrig geblieben sein. In Wirklichkeit handelt es sich nicht um eine Urne, wie man sie so kennt. Die Asche Noahs befindet sich in einer kleinen Pappschachtel, diese ist fest verschlossen und ohne Gewalt nicht zu öffnen. Noahs Box ist in einen roten Samtsack gehüllt.
Als ich Noah abholte, tat ich das erst ohne meinen Mann der selbst andere Dinge zu erledigen hatte. Ich lief also mit meiner Tochter ungefähr eine halbe Stunde zum Krematorium. Allerdings hatte ich keinen Ausweis mit meinem Ehenamen, unter diesem war Noah aber registriert. Mein Kind wurde mir nicht mitgegeben, also lief ich die halbe Stunde unter Tränen wieder zurück. Ich hatte zwar die Möglichkeit mich mit einem offiziellen Brief auszuweisen, aber den musste ich ja erstmal holen. Als ich zuhause ankam war es ungefähr viertel vor vier, das Krematorium schließt um 16:30. Das würde ich nicht packen und ich konnte Noah ja noch am nächsten Tag holen. Ich schrieb dem Mann eine enttäuschte Nachricht, denn ich war traurig und hatte mich so auf mein Baby gefreut. Er rief mich keine 5 Minuten später zurück und sagte, ich solle mich fertig machen, er kommt jetzt und wir fahren da hin. Zu sagen, dass mir ein Stein vom Herzen fiel wäre untertrieben, es war eher ein Gebirge. Diesmal wurde mir mein Baby mitgegeben, ich streichelte mit dem Daumen das weiche Samtsäckchen, so wie ich meiner lebenden Tochter gerne über ihr Köpfchen streiche. Das was zu mir gegört, war wieder bei mir. Ich konnte endlich mein Kind in meinen Armen halten.
Noahs Platz ist auf meinem Nachtschränkchen neben der Erinnerungsbox mit dem Ultraschallbild. Seit Noah da ist, ist es in mir ruhig. Ich bin ausgeglichener, kann viel besser mit meiner Trauer arbeiten. Denn jetzt kann ich mein Kind küssen, ihm sagen wie sehr ich es liebe, bei ihm sein.

Noah, ich liebe dich. Ich werde für dich ein glückliches Leben leben, bis ich dich irgendwann in meine Arme schließen kann. Ich trug dich 3 Monate lang unter meinem Herz, ich trage dich für immer in meinem Herz. Ich liebe dich mein Kind.